Ertrinken und die Formen des Ertrinkens

Liebe Eltern

Das Thema Ertrinken/Sekundäres Ertrinken bei Kindern und Babys ist ein äusserst komplexes Thema. Auf mehrfache Nachfrage und Wunsch haben wir Ihnen ein paar Informationen zusammengetragen. Uns ist es wichtig festzuhalten, dass wir mit diesem Thema keine Panik verbreiten möchten, sondern dass uns am Herzen liegt, euch über die Symptomatik zu informieren, damit ihr im Ernstfall handeln könnt.

 

Bevor wir detailliert ins Thema starten noch eine wichtige Information:

Sekundäres Ertrinken passiert immer nach einem Badeunfall! Wenn ein Kind beim Baden in der Badewanne oder beim Schwimmen im Meer/Schwimmbad Wasser verschluckt, ist dies kein Grund, sich Sorgen machen zu müssen!

Ertrinken und die Formen des Ertrinkens

Jedes Jahr sterben viele Menschen durch Ertrinken. Für kleine Kinder ist Tod durch Ertrinken sogar eine der häufigsten unnatürlichen Todesursachen.

 

Eltern unterschätzen häufig die Gefahrensituation und lassen ihre Kinder unbeaufsichtigt im Wasser plantschen. Badewannen, Planschbecken, Schwimmbecken, Gartenteiche, usw. können, je nach Alter des Nachwuchses, gefährlich werden.

Was passiert beim Ertrinken?

Beim Ertrinken ist die Sauerstoffzufuhr unterbrochen, so dass man letztendlich erstickt. Ertrinken bedeutet also Ersticken:

 

In der Lunge eines Ertrinkenden können die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) nicht mehr mit Sauerstoff beladen werden. Je länger die Sauerstoffzufuhr ausbleibt, desto mehr Zellen sterben im Körper ab, sodass schon nach wenigen Minuten der Tod eintritt.

 

Das Besondere: Bei Kindern liegt der Körperschwerpunkt, anders als bei Erwachsenen, wegen des grossen Kopfes nicht auf Höhe des Nabels, sondern im Brustbereich. Beugt sich ein kleiner Mensch neugierig über eine spiegelnde Wasserfläche, fällt er leicht hinein. Die untrainierte Nackenmuskulatur kann den verhältnismässig schweren Kopf kaum aus dem Wasser heben. Babys und Kleinkinder ertrinken dann lautlos und so gut wie immer unbemerkt. Sie verlieren die Orientierung, sobald der Kopf unter Wasser ist, und wehren sich nicht gegen das Ertrinken. Sie gehen unter und tauchen meist nicht wieder auf, um nach Hilfe zu rufen. Eltern müssen sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein und dürfen ihr Kind beim Baden deshalb nie aus den Augen lassen!

 

Atemsperre durch natürlichen Schutzreflex

Der Mechanismus des Ertrinkens ist bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Sobald das Gesicht kaltes Wasser berührt, wird der Atem reflexartig angehalten (Eintauchreflex). Gelangt das Kind nicht schnell genug wieder an die Oberfläche, kommt es zu einem Blutdruckabfall und zu einer Verlangsamung des Herzschlages. Irgendwann kann die Luft nicht mehr angehalten werden und es kommt zur spontanen Atmung. Wasser wird eingeatmet und gelangt so in die Lunge. Das Kind bekommt Krampfanfälle und wird bewusstlos. Schliesslich hört das Herz auf zu schlagen. Fatale Folgen – sogar im Fall einer Rettung – hat zudem der Verschluss der Stimmritzen. Dieser eigentlich sinnvolle Schutzreflex führt dazu, dass das Kind zwar kein Wasser einatmet, aber nur schwer oder gar nicht wieder atmen kann, sobald es wieder an der Luft ist.

Primäres Ertrinken & sekundäres Ertrinken

Je nach Zeitspanne bis zum Eintritt des Todes unterscheidet man zwischen primärem und sekundärem Ertrinken:

 

Primäres Ertrinken liegt vor, wenn das Einatmen von Flüssigkeit einen Sauerstoffmangel verursacht, der innerhalb von 24 Stunden zum Tod führt.

 

Sekundäres Ertrinken (auch „zweites Ertrinken“) passiert 24 Stunden oder länger nach dem Beinahe-Ertrinken: Auslöser sind beispielweise Verschmutzungen im eingeatmeten Wasser, die die Lunge schädigen und eine eventuell tödlich verlaufende Lungenentzündung auslösen können. Zudem kann das eingedrungene Wasser die feinen Lungenbläschen zerstören, die für den Gasaustausch in der Lunge zuständig sind, so dass die Betroffenen noch lange nach ihrer Rettung ersticken können. Dabei zeigt sekundäres Ertrinken ähnliche Symptome wie primäres Ertrinken: Atemnot und das durch den Sauerstoffmangel bedingte Absterben von Zellen bis zum Tod.

Stilles Ertrinken

Der Tod durch Ertrinken ist ein stiller Tod. Nur in Filmen oder Büchern schlagen Ertrinkende wild um sich, strampeln mit den Beinen und schreien laut um Hilfe. Die Realität sieht anders aus: Da ein Ertrinkender aufgrund des Stimmritzenkrampfs nicht atmen kann, ist er auch nicht in der Lage, durch Schreien auf sich aufmerksam zu machen.

Erste-Hilfe-Massnahmen:

  • Sofort die zuständige Aufsichtsperson alarmieren. Im Schwimmbad ist das der Bademeister und am Meer die Strandwache.
  • Notruf
  • Bergung aus dem Wasser, am besten mit Hilfe eines Rettungsringes, Schwimmbrettes oder ähnlichem. Keine weitere Panik verbreiten.
  • Ist das Kind bewusstlos, aber Atmung und Herzschlag sind in Ordnung, bringen Sie es in eine stabile Seitenlage (Baby: Bauchlage). Dabei ist wichtig, dass der Magen des Kindes tief und der Kopf überstreckt oben liegt. Versuchen Sie bitte nicht, das Kind an den Füssen zu fassen und mit dem Kopf nach unten zu schütteln, damit das Wasser herauskommt. Denn das ist nicht nur nutzlos, sondern sogar gefährlich.
  • Die nasse Kleidung ausziehen und das Kind in warme Decken wickeln (langsam aufwärmen!).
  • Wenn das Kind Fremdkörper im Mundraum hat, entfernen Sie diese
  • Bei Atemstillstand sofort mit der Beatmung beginnen, am besten schon während der Rettung aus dem Wasser.
  • Bei Herzstillstand gleichzeitiger Beginn einer Herzdruckmassage

Achtung!

Jedes Kind, das beinahe ertrunken wäre, muss weiter medizinisch überwacht werden. Auch wenn sich das Kind scheinbar gut von dem Badeunfall erholt hat, sollte man sofort ein Spital aufsuchen. Das in die Lunge eingedrungene Wasser kann nämlich noch bis zu 48 Stunden später Komplikationen auslösen und zu schwerer Atemnot (Lungenödem) führen. Dieses sogenannte “Zweite Ertrinken” kann schwer erkennbar sein, weil die Betroffenen nach dem Vorfall im ersten Moment normal wirken. Beim sekundären Ertrinken kann es aber vorkommen, dass sich Wasser in den sauerstoffreichen Poren der Lunge sammelt. Das stört ihre Fähigkeit, Blut mit Sauerstoff anzureichern. Zusätzlich kann vom Chlorwasser eine chemische Lungenentzündung ausgelöst werden.

Typische Symptome des sekundären Ertrinkens:

  • plötzliche Veränderung des Verhaltens oder des Bewusstseins des Kindes
  • nicht aufhören wollender (anhaltender?) Husten
  • Temperaturanstieg (Fieber)

Wenn diese Symptome auftreten, darf man keine Sekunde zögern und muss mit dem Kind auf direktem Weg ins Krankenhaus – besser noch: den Rettungsdienst rufen.

Wie kann man vorbeugen?

  • Babys und Kleinkinder dürfen niemals unbeaufsichtigt in der Badewanne bleiben.
  • Dasselbe gilt für Schwimmbecken ähnliche Wasserauffangbecken sowie alle offenen Gewässer (Teiche, Flüsse, Seen oder Meer etc.).
  • Swimmingpools und Planschbecken sollten bei Nichtnutzung stets abgedeckt sein.
  • Gartenteiche sollten kindersicher umzäunt sein.
  • Legen Sie bei einer Bootsfahrt dem Kind eine Schwimmweste an.
  • Lassen Sie Ihr Kind nie unmittelbar nach einer Mahlzeit ins Wasser.
  • Kühlen Sie Ihr Kind bei heissen Temperaturen erst mit einer Dusche ab, bevor es ins Wasser geht.

Kinder sollten so früh wie möglich – etwa mit drei Jahren – schwimmen lernen. Wichtig ist, dass man das Schwimmen regelmässig übt, da Kinder es schnell wieder verlernen. Schwimmreifen und / oder Schwimmhilfen wie Schwimmflügel schützen nicht vor dem Ertrinken!

 

Zum Schluss möchten wir nochmals erwähnen: dieser Blogpost soll keine Panik verbreiten. Haben Sie ein Auge auf Ihr/e Kind/er, wenn sie in Wassernähe oder im Wasser spielen und plantschen. Mit den vorbeugenden Massnahmen und den Informationen zur Symptomatik im Hinterkopf können Sie den Sommer mit Ihrer Familie getrost geniessen.

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